Pflege & Betreuung, Selbstwert, Wertschätzung

Warum PflegerInnen keine Engel sind

„Schwester Sie sind ein Engel“

Warum nur kann ich diesem Satz so gar Nichts abgewinnen? Vielleicht liegt es daran, dass Engel ja so quasi ehrenamtliche Mitarbeiter sind und somit keine Bezahlung erhalten?

Oder weil in meiner Vorstellung Engel irgendwie immer ruhig, freundlich und milde lächelnd dargestellt werden, geduldig bis zum Abwinken und eben doch nicht von dieser Welt.

Also eine echt hohe Messlatte!

Zu dieser hohen Messlatte möchte ich gerne einen Bogen spannen und zwar zum Thema Burnout. (Irgendwie kommt mir da ein interessantes Bild-Engel-Burnout-Ausgebrannt-Fegefeuer!!! Naja, lassen wir’s gut sein) 

Laut aktuellen Studien zufolge, sind DAS die häufigsten Stressoren und Auslöser für ein Burnout Syndrom.

  • ständiger Zeitdruck
  • permanente Überforderung (fachlich, zeitlich und emotional)
  • nicht ausreichende Qualifikation für die zu verrichtende Arbeit
  • unzureichende Einarbeitung
  • Schwierigkeiten im Umgang mit den Pflegebedürftigen und deren Angehörigen
  • geringe Kenntnisse im Bereich Gesprächsführung
  • Schichtdienst und Wochenendarbeit (wenig Zeit für die Familie)
  • fehlender Ausgleich im Privatleben
  • Angst um den Arbeitsplatz
  • schlechtes Betriebsklima
  • geringe soziale Unterstützung durch Kollegen, Führungskraft und Familie
  • schlechte Arbeitsbedingungen
  • fehlende Anerkennung
  • keine Aufstiegschancen
  • mehrere Vorgesetzte geben widersprüchliche Arbeitsanweisungen
  • Rollenunklarheit

Ehrlich, es fällt mir irgendwie doch schwer, mir einen Engel in diesen Situationen vorzustellen.

Was mir in dieser Auflistung noch fehlt, ist  „nicht angepasste Bezahlung“ und zwar als einer der obersten Punkte!

Ach, dass sollte nicht der wichtigsten Punkte sein? 

Wo doch Pflegen eine Berufung ist. Pflegekräfte werden gerne als selbstlos gesehen-wo wir wieder beim Engel wären….

Lasst uns einen Blick auf die Geschichte und Entstehung der Krankenpflege(laut Wikipedia) werfen:

Pflege entstand ursprünglich aus der Notwendigkeit, kranke und schwächere Mitglieder der eigenen Familie oder Gemeinschaft zu versorgen. Daraus entwickelte sich eine nicht-berufliche Pflege, die im Sinne der Nächstenliebe auch bedürftige Menschen außerhalb des eigenen Verwandtenkreises versorgte.

Alles klar, oder?

Wenn wir davon ausgehen, dass wir in dieser Gesellschaftlichen Auffassung aufgewachsen sind und Glaubenssätze aus der eigenen Geschichte noch dazu kommen, braucht es keinen mehr zu verwundern warum das eigene Mindset (=Denkweise, Einstellung), auf „ich brauche nicht mehr als Dankbarkeit!“ ausgerichtet ist.

Ich bin vollkommen davon überzeugt, dass es eine besondere Einstellung zum Pflegeberuf braucht.

Ja, auch Liebe.

Aber braucht man nicht generell zu allem was man tut LIEBE?!

Wie aber sieht es mit der Liebe zum eigenen Selbst aus?

Dazu fällt mir unweigerlich der Zusammenhang zwischen Pflegeberufen und dem Helfersyndrom, ein. 

Nimmt man nun eine der gängigsten Definitionen her-

Laut Modell hat ein vom Helfersyndrom Betroffener ein schwaches Selbstwertgefühl und ist auf seine Helferrolle fixiert; das Helfen bzw. Gebraucht-werden-wollen wird zur Sucht. Dabei versucht er ein Ideal zu verkörpern, das er selbst bei seinen Eltern oder generell in seiner Kindheit vermisst hat

-stellt sich mir die Frage, wie ausgeprägt muss meine Liebe zu mir selbst und mein Selbstwertgefühl denn sein, um in diesem Beruf nicht auszubrennen.

Aus meinen eigenen Erfahrungen heraus kann ich sagen, dass bei aller Empathie(= die Fähigkeit und Bereitschaft, Empfindungen, Gedanken, Emotionen, Motive und Persönlichkeitsmerkmale einer anderen Person zu erkennen und zu verstehen), das Erkennen und Wertschätzen des eigenen Wertes, die Basis, speziell in Berufen des sozialen Arbeitsbereiches, darstellt.

Auf mich selbst acht zu geben, beinhaltet auch Achtsamkeit meinem Gegenüber entgegen bringen zu können.

Mich selbst als wertvoll wahrzunehmen, schließt auch die Wertschätzung  anderer mit ein.

Aus meiner Sicht können wir nur dann optimal pflegen bzw. betreuen, wenn wir uns selbst mit der gleichen Fürsorge behandeln, wie wir mit dem anderen umgehen. Jeder von uns hat seine Grenzen, nur wenn ich meine eigenen Grenzen wahrnehme und diese achte, kann ich es auch bei anderen tun.

Wenn wir von unsensiblen oder gar rohen PflegerInnen lesen oder hören, stellt sich für mich immer die Frage WAS ist bei diesen Menschen selbst passiert? WAS hat sie dazu gebracht, unsensibel gegenüber anderen zu werden?

Der Beruf eines pflegenden Menschen ist keine leichte Aufgabe, daher sollte besonders darauf achtgegeben werden, dass die Anforderung nicht auch noch diejenige ist, ein Engel sein zu müssen.

In diesem Sinne wüsche ich allen die diese Zeilen aufmerksam gelesen haben, sich mit ihre persönliche Messlatte nicht an einem Engel zu orientieren, auf sich selbst zu achten und ihre eigenen Bedürfnisse genauso wichtig zu nehmen, wie die der anderen.

In Wertschätzung

eure Michaela

Der wahre Beruf des Menschen ist, zu sich selbst zu kommen. – Hermann Hesse

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