Wertschätzung

Was ist es, das uns Menschen nicht vergessen lässt?

Viele Jahre habe ich im Aussendienst in der Pflege gearbeitet, im extramuralem Bereich sozusagen. Aus den verschiedensten Gründen ist man nicht immer für die selben Klienten zuständig, organisatorisch ändern sich Routen, Einsätze und somit kann es von heute auf morgen passieren, dass Du jemanden den Du längere Zeit betreut hast, nicht mehr oder nur hin und wieder als Vertretung, siehst.

Eigentlich sollten sich Klienten und Pflegepersonen nicht zu sehr aneinander gewöhnen, es erleichtert zwar den täglichen Einsatz wenn man ein eingespieltes Team ist, jedoch kann die Betreuung für jeden anderen- vielleicht fremden Pfleger- dadurch auch schwieriger werden. Der Mensch kann manchmal schon sehr eigensinnig werden, wenn sein gewohntes Häferl nicht am selben Platz steht oder das gelbe Handtuch partout nicht verwendet werden darf.

Derjenige der fast immer zur gewohnten Zeit kommt und alle Eigenheiten kennt, ist da natürlich im Vorteil.

Im laufe der Jahre habe ich mit sehr vielen verschieden Klienten zu tun gehabt, es gibt eher schwierige Einsätze, teils aus physischer, teils aus psychischer Sicht aber auch „einfachere“- was oftmals im Auge des Betrachters liegen mag.

So darf ich euch heute von einem ganz besonderen Menschen erzählen, der zwar schon verstorben ist, ich aber trotzdem beim Schreiben meiner Zeilen darauf achte werde seine Privatsphäre nicht zu verletzten und manches umschreiben werde.

Herr. R. kam ca. 1945/46 (im nordwestlichen Niederösterreich) als erstes von drei Kindern und kleinwüchsig, zur Welt.

Er setzte seinen Willen durch, in die Schule zu gehen obwohl seine Mutter das nicht wollt, das Argument, dass für den Schulweg jeweils, mehrere Kilometer zurück gelegt werden mussten, war wohl nur eine ihrer großen Sorgen.

So ging er gemeinsam mit seinen beiden jüngeren Geschwistern zur Schule, egal wie schwer der Weg mit seinen kurzen und naturgemäß krummen Beinen, auch war.

Da er lesen und schreiben konnte, war es ihm auch möglich eine Lehre zu machen, was nur in einer, weiter entfernten Behinderten-Lehrwerkstatt möglich war. Oft hat er erzählt wie sehr ihm sein Heimweh zu schaffen gemacht hat und nur aus Stolz nicht davongelaufen ist.

Zurück nach dem Abschluss seiner Lehre ins Heimatdorf, sah er sich wie so oft mit den Aussagen seiner Mitmenschen konfrontiert, dass „so etwas wie er doch vergast gehört“.

Man muss nicht Psychologie studiert haben um zu verstehen was das in einem Menschen bewirkt, der ohnehin immer mit Spott zu leben hatte. Auch Hass, vor allem durch seinen Vater, für den er ja eine Missgeburt war, war ihm nicht fremd.

Also machte er sich auf den Weg nach Wien, und ich kann nur voll Bewunderung sagen, dass er seinen Weg gemacht hat. Als Mensch mit Beeinträchtigung zu der damaligen Zeit Arbeit zu finden, ist schon eine große Leistung. Stolz hat er oft von der Eigentumswohnung erzählt die er sich nach einigen Jahren in großteils schlimmen Unterkünften, kaufen konnte.

Als hätte er nicht in seiner Jugend und vermutlich auch danach, schon genug Schlimmes erlebt, machte ihm sein Körper so schwer zu schaffen, dass er in eine Rollstuhl gerechte Behindertenwohnung umziehen musste. Ausser Diabetes TypI, hatte er eine Vielzahl von Erkrankungen und Beeinträchtigungen(auf die ich nicht näher eingehen möchte), ganz abgesehen von seinem Kleinwuchs.

Warum erzähle ich euch von ihm?

Mir ist kaum jemals wieder ein Mensch begegnet, der sich trotz aller Widrigkeiten, einen so großartigen Humor bewahrt hat.

Er war allen Pflegekräften wohl bekannt, vor allem aufgrund seines Humors und seiner Späße, er konnte so herzlich und ansteckend lachen. Und ja, es war ein schwerer Einsatz, schwer im Sinne, dass sehr viel in kurzer Zeit erledigt werden musste. Die Versorgung im Bett dauerte schon seine Zeit, der Transfer mittels Krankenlifter, hatte auch so seine Tücken und konnte für die Pflegekräfte, die nicht immer dort waren, eine große Herausforderung darstellen. Auch die fortschreitende, demenzielle Erkrankung machte diesen Einsatz nicht gerade einfacher.

8 Jahre habe ich ihn, gemeinsam mit anderen Pflegekräften, fast ohne Unterbrechung betreut, ich war nicht mehr im Aussendienst als er gestorben ist, war aber sehr betroffen als ich von seinem Tod erfahren habe.

Für mich ist und bleibt Hr. R. unvergessen, ich habe das Gefühl ich kenne seinen Schulweg, sein Zuhause und viele andere Dinge aus seinem Leben von denen er erzählt hat, auch die traurigen Erlebnisse.

Ich bewundere von ganzem Herzen seinen Mut.

Ich bewundere aus tiefster Seele seine Einstellung zum Leben.

Ich höre und sehe ihn heute noch herzlich lachen.

Vielleicht ist es einfach die Seele, die einen Menschen unvergessen macht.

 

 

 

 

 

 

 

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