Wertschätzung

ALLES ANDERS NACH CORONA?

Ich kann mir nicht vorstellen wie es ist einen nahestehenden Menschen direkt von Covid-19 betroffen zu erleben und bin dankbar, dass meine Mutter mit ihren 78 Jahren ihre Wohnung seit dem 15. März nicht verlassen hat.

Kaum vorstellbar, wenn Eltern, An-od. Zugehörige um ihre Gesundheit oder gar um ihr Leben bangen und wir mit ihnen, da wir uns unmittelbar betroffen fühlen.

So ist es eigentlich immer, wenn uns ein Ereignis unmittelbar und selbst betrifft. Das gesamte Denken und Fühlen dreht sich um die eigene bzw. die Befindlichkeit der Person die uns nahesteht. Geschehen die selben Dinge den anderen, gelingt die emotionale Distanz viel leichter.

Wer von uns ist NICHT betroffen?

Die Vermutung liegt nahe, dass es auf der ganzen Welt niemanden gibt der NICHT in irgendeiner Art und Weise von der Covid-19-Pandemie betroffen ist. In welchem Bereich oder Ausmaß auch immer.

Die individuell erlebte Gesundheit, wirtschaftliche und finanzielle Herausforderungen und vieles mehr lassen viele von uns nachdenklicher werden. Die Welt durchlebt etwas nie Dagewesenes und das GEMEINSAM.

DAS WAR NICHT IMMER SO. Mag es dem Selbstschutz geschuldet sein oder gar dem Desinteresse am Leben anderer Menschen-es steht mir nicht zu das zu beurteilen. Ich möchte mich selbst davon auch gar nicht ausnehmen, vielmehr scheint es mir wenig Sinn zu ergeben mit anderen Menschen mitzuleiden.

Mitgefühl zu zeigen ist jedoch eine emphatische Gabe die wir meistens auch für unser eigenes Leid zu schätzen wissen.

Wo bitte liegt der Unterschied zwischen Mitleid und Mitgefühl?

In meiner Tätigkeit als Referentin wird mir diese Frage oftmals gestellt.

Jemandem beim Verlust eines geliebten Menschen sein Mitgefühl zu zeigen, bedeutet aus meiner Sicht einen gewissen Abstand zu wahren. Kaum jemandem hilft es in dieser Situation, wenn wir in Tränen ausbrechen und vielleicht von selbst erfahrener Trauer berichten.

Wir können dem anderen nicht seinen Schmerz nehmen. Das ist auch nicht unsere Aufgabe. Wer dazu neigt in das Thema des anderen hinein zu kippen verbraucht oftmals sehr viel Energie und ist somit auch wenig hilfreich.

Zwischen Empathie, Helfersyndrom und Pflichtbewusstsein

Im Projekt qualify for care, dass ich 2018 als Referentin mitgestaltet habe, fragten mich Teilnehmer weshalb sie auf die Frage „warum sie einen Pflegeberuf ergreifen möchten“, nicht den Wunsch ZU HELFEN äußern sollten.

Die Teilnehmer die aus ganz unterschiedlichen Kulturkreisen kamen, meinten, dass ZU HELFEN für sie etwas ganz natürliches und selbstverständlich sei.

Zwischen Empathie und Helfersyndrom verläuft manchmal ein schmaler Grat. Besonders dann, wenn wir der Meinung sind „damit habe ich kein Problem-das betrifft mich nicht“ 😉

Besonders in diesen Tagen die von Covid-19 geprägt sind, heißt die Parole DURCHHALTEN. Speziell all diejenigen die wir im Gesundheitswesen tätig sind bekommen das verstärkt zu spüren.

Aber mal ehrlich: WAR ES DAVOR WIRKLICH ANDERS?

In vielen Jahren der Hauskrankenpflege kann ich mich kaum daran erinnern mit ausreichend Personal gesegnet gewesen zu sein. Es fehlte oft an allen Ecken und Enden und ich weiß noch genau wie es sich angefühlt hat jede Bereitschaft und Zusatzdienste gemacht zu haben. WAS war mein Antrieb? Pflichtbewusstsein? Helfersyndrom? Unsere Klienten mussten doch versorgt werden-ich fühlte mich verantwortlich. DURCHHALTEN!

Wer denkt es wäre als verantwortliche Team oder Stationsleitung besser, irrt. Auch hier zerrt das ständige Fehlen von Pflegekräften an den Nerven und der Substanz.

Immer mehr Einsätze – keiner darf abgelehnt werden. Entlassungen die Freitag Mittag stattfinden, Klienten die versorgt, Angehörige die beruhigt werden müssen! Trotz Personalmangels. DURCHHALTEN! Besonders in diesen Tagen……

Urlaubssperren, das belastende Arbeiten mit Schutzbekleidung, Verzweifelte Angehörige am Telefon die nicht zu ihren Partnern, Kindern, Eltern, Freunden dürfen. DURCHHALTEN!

Könnte einer der wichtigsten Lehren aus diesen Tagen sein, dass sich die Dankbarkeit gegenüber denjenigen die jetzt im Gesundheitswesen tätig sind auch in der Verbesserung der Arbeitsbedingungen und gegenseitiger Wertschätzung zeigt?

Auch das Ansehen des Pflegeberufs wird wieder einmal zum Thema. Sollte es das nicht schon vor Covid-19 gewesen sein? Respekt? Achtung? Wertschätzung?

Vielleicht ist es ja auch hilfreich, wenn sich Pflegekräfte solidarisch und wertschätzend gegenüber ihrem eigenen Berufsstand zeigen. (unter uns gesagt auch gegenüber JEDEM anderen Beruf )

Ein gelingendes Miteinander entsteht durch das MIT EINANDER und so kann ich mir gut vorstellen, dass sich jeder von uns bei der eigenen Nase nehmen kann. Wir, die wir im Gesundheitswesen tätig sind, tun gut daran sich nicht als Opfer wahrzunehmen-Jammern hat noch niemals zu nachhaltiger Veränderung geführt.

Aktuell haben wir eine riesige Chance, uns vom „das war schon immer so“ zu lösen.

Menschen aus ihren verschiedenen Professionen heraus können sich unterstützen, abseits vom „bei uns machen wir das aber SO„.

  • Wie nehme ich Kollegen*innen von anderen Stationen, anderen Pflegeeinrichtungen, wahr?
  • Verhalte ich mich wertschätzend gegenüber jeder Berufsgruppe und Ausbildungsstand?
  • Mache ich neuen Kollegen*innen den Einstieg leicht?
  • Verhalte ich mich objektiv bei Fehlern-egal ob dieser jemandem unterlaufen ist den ich gut kenne oder nicht?

Ich wünschte ich hätte mir diese Punkte immer schon überlegt und könnte alle mit JA beantworten. Tatsächlich bin ich aber davon überzeugt in den mehr als 20 Jahren meiner Tätigkeit im Pflegebereich nicht immer korrekt gehandelt zu haben.

Aber ich bin davon überzeugt, dass das Leben auch lebenslanges Lernen bedeutet und somit bleibt noch genug zu tun 😉

Und so können wir uns gemeinsam die Frage stellen:

ALLES ANDERS NACH CORONA?

Wenn Dich dieses Thema selbst betrifft oder einfach auch nur interessiert, dann freue ich mich auf den Austausch mit Dir.

Deine Michaela

„Jede Veränderung beginnt mit dem ersten Impuls“

Ein Gedanke zu „ALLES ANDERS NACH CORONA?“

  1. Da jetzt alle Bildungseinrichtungen geschlossen haben, verbringe ich jetzt gerne viel mehr Zeit im Pflegeheim, wo jede Hand und offene Ohren gebraucht werden.
    Gerade in dieser Zeit, mit vielen Veränderungen u. Herausforderungen fällt mir Folgendes auf. Es wird wie durchs Vergrößerungsglas sichtbar: Die Menschen, die auch vorher bereits durch große Achtsamkeit im Umgang mit anderen aufgefallen sind, sind jetzt die unentbehrlichen, stillen „Held*innen“ in einer Zeit, in der viele Menschen eine Art Unsicherheit spüren. Wie du schreibst, ist jeder von uns mit direkten, individuellen Einschränkungen/ Veränderungen betroffen. Eine Art eigene Not (wie viele Menschen dies vorher nicht kannten!) macht uns etwas empfindsamer für Andere. Wobei ich genauso das aufgegriffene Thema zwischen Empathie-Helfersyndrom interessant finde, bewusst auseinander zu halten. Helfersyndrom, das zu sehr ausgeprägt ist, verbreitet eine Aura von unnatürlicher „Fremd-Sorge“ die einengend sein kann. Der Austausch bezüglich Balance zw. Unter- und Überforderung (uns anvertrauter Menschen) in den Pflegeteams kann hier viel klären.
    Wir können nicht alle individuellen, unangenehmen Situationen für unsere Mitmenschen lösen…Jedoch, kann es in dieser Zeit helfen, wenn wir, wo es Sinn macht, Empathie zeigen. Ein natürliches Miteinander- Leben, ein Teil Selbst-Reflexion gepaart mit offenen Augen u. Ohren, falls ein Mensch im Umfeld Unterstützung braucht.
    Oft kann mit einer kleinen Geste oder kurz zuhören und ernst nehmen, etwas Wohltuendes passieren, das eine SORGEKULTUR, die uns allen gut tut, spürbar macht! Damit meine ich, Befindlichkeiten, die sich in dieser Zeit auch oft verändert (da wirtschaftlich notwendig) haben. Ich hoffe sehr und wünsche uns Allen, daß eine gesunde Portion dieser „SORGEKULTUR“ auch nachher erhalten bleibt! Abschließend, gerade jetzt kann ich sagen „ilovemyjob“

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